Die künstlerische Arbeit des 1977 in Rüdersdorf geborenen Malers hat nach einem Studium an der Berliner Universität der Künste eine erstaunliche Eigendynamik entwickelt. Seine Arbeiten illustrieren das Wechselspiel und den Dialog zwischen Motiven seines unmittelbaren Umfeldes und seiner Affinität zu bildnerischen Elementen der Abstraktion. Sauer etabliert den Begriff der Peinture Collée als eigenständige Collagetechnik, indem er getrocknete Farbpartikel auf der Leinwand zu neuen figurativen Arrangements zusammenfügt. Er spritzt und gießt auf eine am Boden liegende Folie mehrere Schichten Acrylfarbe, lässt diese sich gegenseitig durchdringen und trocknen. Diese Farbhäute mit ihren ornamentalen Strukturen werden zerschnitten oder zerrissen und dann als Farbfetzen wie Puzzleteile zu Ensembles auf der Leinwand vereint. Es entstehen gegenständliche Motive von Bäumen, Architekturen und Momenten des Lebens. Zusätzlich greift Sauer immer wieder mit dem Pinsel ein, um Konturen zu definieren oder Details hervorzuheben. Hier und da reichen die Farbflächen über ihre strengen Begrenzungen hinaus, verlieren sich in der Bildfläche und schaffen abstrakte Strukturen. Zentral ist immer sein Interesse am Alltag der Menschen und an der Vielzahl von Realitäten in unserer Welt.
Anja Jahns M.A., 2011
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Christian Sauers Bilder zeigen alltägliche Situationen. Doch so gegenständlich die Motive sind, so abstrakt ist zunächst die Technik der Peinture Collée, die er entwickelt hat: Fast wie eine ironische Reminiszenz an Jackson Pollock liegt eine Folie auf dem Boden des Ateliers, auf welche Christian Sauer Acrylfarbe gießt, malt und spritzt. Mal in gestischer Manier – mal darf der Zufall seine Hand im Spiel haben, wenn Farben unberechenbar ineinander verlaufen. Wenn die Farbe getrocknet ist, lässt sie sich als eine Farbhaut von der Folie abziehen. Diese Fetzen in satten Farben sind die Bausteine für Sauers Gemälde: Aus abstrakten Puzzlesteinen werden gegenständliche Bilder. Mit der Technik geht der Maler aber erfrischend undogmatisch um: in die Farbcollagen wird immer wieder auch mit dem Pinsel eingegriffen, um Details oder Schattierungen anzulegen. Und so schichten sich aus geschnittenen und gerissenen Farbfetzen Bäume, Straßen, Häuserdächer.
Seit längerem beschäftigt sich der 32-jährige Maler mit Bildern aus dem Alltag auf dem afrikanischen Kontinent. In der Malerei des 19. Jahrhunderts und der Moderne stand Afrika für flimmerndes Licht, pralle Farben, und für Exotik. Damals brachten die Maler all das auf ihren Gemälden von ihren Reisen mit. Heute sind Bilder dieses Weltteils ständig verfügbar: nicht nur die Luft in der Sonne, auch der Bildschirm flimmert. Man spürt in dieser Motivwahl eine leise Sehnsucht nach der Fremde, ein Interesse an der Vielzahl der Lebensrealitäten auf unserem Planeten – und eine große Freude an der Farbgewalt dieses Topos. Was Sauer sich aus der medialen Bilderflut aussucht ist nicht die erotische Exotik des 19. Jahrhunderts, auch nicht das Bild des Elends, das wir meist medial vermittelt vom afrikanischen Kontinent sehen, sondern es ist der Alltag der Menschen, der ihn interessiert. Da kann eine Straßenverkäuferin, die auf dem Boden sitzend ihre Waren anbietet, in der Rückenansicht zwar schon mal an die Haltung der Odaliskefiguren bei Ingres erinnern. Aber wir blicken mit ihr auf die Füße der Vorbeigehenden, in den Staub der Straße und in die leuchtenden Farbfetzen von Christian Sauer.
Die neuesten Arbeiten, die sich Motiven aus der eigenen Alltagswelt zuwenden: Das Atelierhaus mit Straßenkreuzung, der Blick aus dem Atelierfenster über Häuserdächer, Menschen am Wasser. In einer Welt voller Bildmedien verortet sich der Maler in dem, was er wirklich vor Augen hat. Die starken Farben erleuchten auch die Berliner Motive und geben der grauen Stadt südliche Lebendigkeit. Die Abstraktheit der Peinture Collée blitzt immer wieder einmal auf, wenn die Kontur einer Farbfläche einmal ausbricht aus der strengen Begrenzung der abbildenden Form. Die Farbe wird nicht gezähmt. Sondern zu Bildern geformt, die man immer wieder ansehen will.
Melanie Baumgärtner – Kunsthistorikerin, 2010